Radio Guggach
Ein Nachbarschaftsprojekt von Kateřina Šedá
2022—2025
Haltestelle RADIOSTUDIO. Eine Region, in der in ein neues Viertel entsteht. Sie erinnert mich nicht nur an die Leere, die sich nach dem Verschwinden eines lieben Menschen auftut, sondern auch daran, wie ich mich, als ich selbst in so einer Situation war, damit zurechtfand.
Meine Großmutter hinterließ nach ihrem Tod einen Hund. Die beiden hatten all ihre Zeit gemeinsam verbracht. Der Hund sehnte sich nach ihr, wollte nicht mehr fressen und ließ uns keine Ruhe: Er jaulte, winselte und klagte – und ich hatte die Idee, den Radiosender aufzudrehen, den meine Großmutter immer gehört hatte. Das tat ich, und der Vierbeiner glaubte wohl, dass Großmutter wieder zurückgekommen war, denn er verhielt sich wie zuvor. Wir ließen das Radio fünf Jahre lang laufen und die beiden waren dadurch wieder vereint.
Haltestelle «Radiostudio». Das Gebiet, wo sich früher das Studio des öffentlich-rechtlichen Schweizer Radios SRF befand, hat sich seit 2022 massiv verändert. Um das Areal mit den Familiengärten und der Brache, auf der früher auch kleine Quartierfeste gefeiert wurden, wurde ein Bauzaun gezogen, und es wurden neue Wohnungen, eine Schule und ein Park errichtet.
Jedes grössere Bauvorhaben stört das gewohnte Leben. Die bisherigen Bewohner*innen haben vielleicht Bedenken, dass sich alles verändert und dass ihre Gewohnheiten beeinflusst werden. Gleichzeitig bringt es aber auch viele Chancen mit sich – zum Beispiel neue Menschen kennenzulernen, Freundschaften zu schliessen oder eine noch besser funktionierende Gemeinschaft zu schaffen.
Ähnliche Bedenken haben aber womöglich auch diejenigen, die sich an einem neuen Ort niederlassen. Ein Umzug ist eine grosse Sache und bringt viele Veränderungen mit sich. Man befindet sich in einer neuen Umgebung, die Dinge funktionieren nicht mehr nach den alten Regeln, die eigenen Vorstellungen weichen von der Realität ab. Nicht allen fällt es leicht, Beziehungen zu knüpfen, und so kann ein Wohnungswechsel bei manchen zu einer gewissen Verschlossenheit führen.
Damit die Menschen im neuen Areal Guggach III diese Unsicherheiten leichter überbrücken, habe ich mir das Projekt eines unkonventionellen, gemeinschaftlichen Radiosenders ausgedacht. Mithilfe von Interviews mit beiden Seiten soll eine Brücke geschlagen werden, die sie miteinander verbindet. Mein Ziel war es, nicht nur zu zeigen, wer bereits an diesem Ort lebt, sondern auch, wer neu dazukommt und welche interessanten und bunten Lebensgeschichten hier entstehen. RADIO GUGGACH ist also kein klassischer Radiosender, sondern in erster Linie ein Quartierführer, der helfen soll, diesen Ort besser kennenzulernen und hier wirklich Wurzeln zu schlagen.
In den drei Jahren, in denen sich dieses Gebiet grundlegend verändert hat, hat das Team von RADIO GUGGACH die unterschiedlichsten Menschen gefunden, die bereit waren, mit uns zu sprechen – vor allem über sich selbst. Wir haben Gärtner*innen besucht, Anwohner*innen sowie Lehrer*innen und Schüler*innen der örtlichen Schulen und Kindergärten. Wir haben die Inhaber*innen von Geschäften, Restaurants und die Anbieter*innen verschiedener Dienstleistungen kontaktiert. Wir haben mit den Architekt*innen der Neubauten gesprochen, den Vertreter*innen der Stadt, den Angestellten des Gemeinschaftszentrums und von Radio SRF. Und nicht zuletzt mit den neuen Bewohner*innen, die sich gerade erst an diesem Ort eingewöhnen. Ihre Bereitschaft, sich den anderen vorzustellen und ihre Meinungen, Einstellungen und Lebensgeschichten zu teilen, bildet den Grundstein dieses Projekts.
Heute heisst die ursprüngliche Haltestelle «Brunnenhof», und man erkennt den Ort kaum wieder. Auf den ersten Blick fährt man an einem normalen Stadtteil vorbei – aber ganz so normal ist er eben nicht. Wer auf der Webseite von RADIO GUGGACH den Geschichten der Anwohnenden zuhört, bekommt sofort Lust, auszusteigen und jemanden von ihnen zu treffen. Ziel dieses Projekts war es nämlich nicht, ein Gemälde, eine Skulptur oder eine Installation zu schaffen, wie es normalerweise bei Kunst im öffentlichen Raum der Fall ist, sondern vor allem zu helfen, das Wichtigste aufzubauen: funktionierende Beziehungen.
Ich wünsche Ihnen allen, dass Ihnen RADIO GUGGACH eine Hilfe sein kann, so viele Gleichgesinnte wie möglich zu finden!